WAHLTAG

Heute habe ich die Wahl. Ob ich früh aufstehe oder noch länger im Bett bleibe (es ist Sonntag), ob ich mir heute Mittag selbst etwas koche oder irgendwo essen gehe, ob ich lieber fernsehe, etwas schreibe (z.B. einen Beitrag zu meinem Blog), lese oder ein Spiel spiele.

Ach ja, und welche Partei ich wähle. Da darf ich sogar zweimal, nämlich mit der Erst- und der Zweitstimme (die ja eigentlich nur wirklich zählt – in gewisser Weise).

Also bin ich zu meinem Wahllokal marschiert (wobei die Wortwahl jetzt bitte keine Rückschlüsse auf meine Wahlentscheidung ziehen lassen sollte – aber da meine Stimme sowieso nicht wahlentscheidend ist, relativiert sich das), bin also zu meinem Wahllokal marschiert, das eigentlich ein Wahlaltersheim ist (nein, Wahlalterstheim war, denn jetzt muss es heißen, ganz PC, Wahlseniorenheim). Und ich bin beileibe nicht dorthin marschiert, weil der dumm-arrogante Spiegel in BILD-Art mich sonst träge, frustriert und vor allem arrogant nennen und mir vorwerfen würde, ich verspiele die Demokratie (ja, wenn ich wirklich den ganzen Tag gespielt hätte …), denn die wird ganz woanders verspielt, sondern weil ich dachte, das Wetter ist schön (na ja, sagen wir, es ist nicht schlecht) und da kann man ja auch am Sonntag mal kurz vor die Tür und dann auch gleich zum Wahllokal gehen.

Also habe ich meine zwei Kreuze gemacht und mich gut gefühlt, weil ich eben weder träge, noch frustriert oder gar arrogant bin … äh, ja. Also, zwei Kreuze, die mich, den Wahlbürger, zum wichtigsten Erhalter der Demokratie machen, oder besser, zum Bestätiger dessen, was hierzulande noch Demokratie genannt wird: Ich durfte damit wählen, nein, MITwählen, welcher Politiker sich demnächst den Wünschen der Lobbyisten beugen, dem Druck der Industriellen nachgeben und sich von den Banken über den Tisch ziehen lassen würde. Ja, und ich fühlte mich gut, weil ich mich im Gleichklang mit 61,8 Millionen Wahlberechtigter … Moment. 61.800.000 Wahlberechtigte? Dann zählt meine Stimme also nur ein einundsechzigkommaachtmillionstel? Das heißt, es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 61,8 Millionen, dass meine Stimme den Ausschlag gibt? Da kann ich ja gleich morgen Lotto spielen, da sind meine Chancen, dass ich sechs Richtige habe, wenigstens 1:15.537.573, also fast viermal so hoch. Für eine Wahl kann ich also viermal im Lotto gewinnen! Und wenn ich auch noch die Superzahl haben möchte – Chance 1:139.838.160 – dann brauche ich nicht einmal dreimal mitzuspielen, um mit höherer Wahrscheinlichkeit den Jackpot zu leeren als auf die Politik einzuwirken. WOW! Morgen gehe ich als erstes in mein Lottowahllokal.

So long

Utz

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