Leseprobe zu „Ich bin Rauch“

Prolog

Der Bildschirm zeigt einen vielleicht zwölfjährigen Jungen, der an einer straff um den Hals liegenden Schlinge an einem Baum hängt, gerade so hoch, dass seine Zehenspitzen den Boden berühren. Er trägt nur eine knallbunte Mickymouse-Unterhose; die braune Haut, das leicht krause, tiefschwarze Haar und die Gesichtszüge deuten auf ein afroamerikanisches Eltern- oder Großelternteil hin. Seine weit aufgerissenen braunen Augen starren an der Kamera vorbei auf jemanden, der nicht zu sehen ist. Mit beiden Händen hält der Junge sich an dem Seil über seinem Kopf fest. Er schreit etwas.
Hinter ihm wiegen sich die Äste von dunkelgrünen Nadelbäumen im Wind. Bei jedem Windstoß zerrt das Seil am Hals des Jungen.
Endlose Minuten balanciert er auf seinen Zehen.
Allmählich lässt seine Kraft nach, die Hände rutschen vom Seil ab, greifen verzweifelt erneut danach, rutschen wieder ab.
Sein Mund ist weit geöffnet, aber er schreit nicht mehr. Seine Beine beginnen zu zucken, die Arme fallen schlaff an den Seiten hinab.
Ein dunkler Fleck bildet sich auf der Unterhose des Jungen, Urin rinnt an seinen Beinen hinunter.
Das Bild wird schwarz.

Sonntag, 26. Juli

Gefängnisinsel Gedney Island, Washington State

Eins wusste ich genau: Es gab nur zwei Möglichkeiten, als Junge auf Gedney Island zu überleben – entweder man hielt sich fern von den Erwachsenen und war frei, oder man lebte bei ihnen, kriegte zu essen und zu trinken, und war ihr Sklave, den sie fickten, wann immer ihnen der Sinn danach stand.
Ich war frei. Und ich würde alles daran setzen, dass ich und mein Gebrüd das auch blieben. Denn dann konnte man es hier aushalten. Meist jedenfalls.
Ich ließ mich auf den Bauch fallen und robbte die letzten Meter des dicht mit Bäumen bewachsenen Hügels rauf. Vorsichtig hob ich den Kopf und blickte zu der Überwachungskamera auf der anderen Seite der mit Schlaglöchern übersäten Straße. Die Kamera drehte sich auf dem Mast langsam in meine Richtung. Ich duckte mich und zählte bis zehn, dann richtete ich mich wieder auf. Die Kamera schaute nach rechts. Unten ging ein Erwachsener in sauberem orangerotem Overall die Straße hinunter. Er wirkte unsicher. Waren heute Neue angekommen?
Ich duckte mich wieder, wartete. Als ich sicher war, dass der Mann weg war und die Kamera sich zur anderen Seite gedreht hatte, richtete ich mich auf. Ja, die Straße war frei. Ich winkte; Muskel, Messer und Schlange krochen zu mir rauf. Mein Gebrüd, bis auf Feuer, der immer im Versteck blieb. „Andere Seite, das Fenster“, wisperte ich Schlange zu.
Schlange nickte.
„Muskel rechts, Messer links.“
Auch die beiden anderen nickten, dann sprangen alle drei auf und rannten den Hang runter zur Straße. Schlange verschwand durch das Fenster in dem seit ein paar Tagen leerstehenden Haus, Messer ging links in Deckung, Muskel rechts. Ich sah, dass beide die Straße beobachteten.
Hoffentlich fand Schlange was zu essen in dem Haus. Seit drei Tagen lebten wir von einem Brot, das wir von einem Bringer ergattert, und den Beeren, die wir am Nordrand der Insel gepflückt hatten.
Jeden Tag kamen die Bringer angeflogen, aber die Erwachsenen schnappten uns oft alles weg, was sie abwarfen, ließen höchstens kaputtgegangenes Zeugs liegen.
Die Kamera drehte sich wieder zurück und ich rutschte ein Stück den Hügel hinab, wartete.
Eigentlich war es Unsinn, sich vor den Kameras zu verstecken. Wenn die Cops wollten, konnten sie mich überall aufspüren, das hatte ich in den zwei Jahren, die ich hier war, gelernt. Aber warum sollte ich es ihnen leicht machen?
Durch eine Lücke zwischen den Bäumen brannte die Sonne auf meine nackten Arme und Beine. Im Sommer kam man am besten mittags aus dem Versteck. In der Hitze trieb sich kaum jemand draußen herum. Die Insel war nicht groß, aber zum Glück blieben die Erwachsenen meist bei ihren Häusern. Warum auch in den Wald gehen? In den großen Häusern hatten sie schließlich alles, was sie brauchten: Wasser, Essen, ein Zimmer. Nur manchmal schickten sie Grupps aus, um Freie, Einzelgänger oder Neue einzufangen. Oder mich.
Als ich sicher war, dass die Kamera in die andere Richtung blickte, hob ich wieder den Kopf. Ein Geräusch von rechts ließ mich herumfahren. Ein großer Junge, schwarz. Späher für Grupp. Also waren wirklich Neue gebracht worden.
Der Späher kam näher. Wie lange war Schlange schon drinnen? Wenn er jetzt rauskam, wären wir geliefert.
Muskel machte mir ein Zeichen, hatte jetzt auch den Späher entdeckt. Ich legte die Hand flach auf den Boden. Bleib!
Die Kamera drehte sich mir zu, ich duckte mich. Zählte. Kam wieder hoch. Der Späher war jetzt fast unter ihm, kümmerte sich nicht um die Kamera, zögerte. Hatte er Muskel bemerkt? Oder Messer?
Der Späher drehte sich um, winkte kurz. Da war der Grupp. Fünf große Jungen.
Mein Gebrüd war in Gefahr. Ich sprang auf. „Heh, Nigger!“, schrie ich, „Ich bin Rauch, keiner kriegt mich, keiner hält mich!“
Ich rannte.
Auf der anderen Seite den Hügel hinab, weg von Messer, Muskel und Schlange. Der Späher würde mir folgen. Und der Grupp. Hoffentlich.
Ich hetzte durch den wild wuchernden Wald, Zweige schlugen gegen meine Beine, ich riss die Arme hoch, um einen Ast zur Seite zu schlagen, sprang über den Stamm eines umgestürzten Baumes.
Ich rannte.
Durch die abgelaufenen Sohlen der Turnschuhe spürte ich Sand, Äste, kleine Steine, Glasscherben. Schweiß rann mir aus den Haaren ins Gesicht, tropfte vom Kinn auf mein Hemd.
Ich schaute kurz zurück. Der Späher war nah. Zu nah. Größer, längere Beine, schneller.
Und ein Stück hinter ihm der Grupp. Alle fünf. Gut!
Ich rannte.
Sprang über einen verrosteten Blecheimer, kam an Reste eines Hauses; links eine Tür, streckte den Arm aus, griff zu, wurde von meinem Schwung durch die Öffnung geschleudert, flog auf die Knie, sprang auf, hielt inne, streckte das Bein vor.
Der Späher flog über mein Bein.
Ich sprang raus, bohrte meinen Absatz in Spähers Niere, der Späher schrie auf, „Ich kill dich, ich kill dich!“
„Da ist er!“
Der Grupp! Ich rannte.
Wieder auf die Straße, rechts. Weit, weit hinten ein Versteck. Der Grupp kam und der Späher auch. Langsamer jetzt, keuchend, aber er kam.
Versteck zu weit.
Ich rannte, schaute rechts, Wald, nur Wald, links, Zaunreste, Mauerreste, Hausreste. Schutt. Kameramast.
Beobachteten sie mich?
Da! Ein Loch hinter der Mauer. Schmal. Zu schmal für den Späher. Zu schmal für mich?
Egal! Späher, Grupp war schon zu nah.
Ich sprang über die Mauer, warf mich zu Boden, rutschte ins Loch. Es ging schräg runter. Tiefer, tiefer. Hände in Boden krallen, ziehen; Füße stoßen. Schnell, tiefer!
Eine Hand am Fuß, kräftig, hielt, zerrte.
Ich stieß, trat.
Hand rutschte ab, griff erneut zu, packte meinen Schuh.
Ich drehte den Fuß, zog ihn aus dem Schuh, krabbelte tiefer, tiefer.
Der Späher schrie vor Wut. Zu groß. Zu kräftig. Passte nicht ins Loch.
Ich atmete auf.
„Rauch wo?“, fremde Stimme.
„Da drin.“ Späher.
Ich blickte zurück. Ein Gesicht vor dem Loch. Verdammt, das war Knüppel! Grupp von Niggerking. Kriegten die mich, würde Niggerking mich umbringen.
„Komm raus, Rauch!“
„Nein!“
„Letzte Warnung: Komm raus!“
„Niemals!“
Das Gesicht verschwand. Dann kamen Füße. Trampelten. Erde fiel. Mehr Erde. Loch wurde kleiner. Kleiner, kleiner. Dann ganz zu.
Stockdunkel.
Und sie trampelten weiter.
Ich war am Arsch. Kam hier nicht mehr raus. Das Loch war zu eng zum Umdrehen. Ich trat gegen die Erde hinter mir, nichts. Sie war zu festgetrampelt, oder die Nigger hatten noch Steine draufgehäuft.
Ich kriegte keine Luft. Wenn Muskel oder Messer nicht hinter dem Grupp hergelaufen waren, würde mich keiner hier finden.
Ich wollte raus! Raus! RAUS!
Ich kratzte an den Wänden, am Boden, an der Decke, alles hart wie Stein. Ich trat wieder gegen die Erde hinter mir, trat, trat, trat. Nichts.
Ich kam nicht raus!
Ruhe, verdammt, RUHE! Erstmal musste ich atmen, musste langsam und ruhig atmen.
Denken. Überlegen.
Was war vor mir?
Ich tastete. Das Loch ging tiefer! Das war kein Loch, das war ein Tunnel. Oder … senkrechte Wände, waagerechte Decke und Boden – ein Schacht. Der musste irgendwo hinführen.
Ich robbte weiter. Der Boden wurde steiler, und dann verlor ich den Halt und rutschte, rutschte, bis …
Meine Hände stießen gegen etwas Hartes, meine Ellenbogen knickten ein, ich knallte mit dem Gesicht gegen ein Gitter. Ein Knirschen, ein Ruck, das Gitter löste sich, ich fiel … prallte auf … landete weich auf dem Rücken.
Ich blieb liegen. Raus aus dem Loch, gerettet.
Etwas begann zu summen. Lauter und lauter, wurde zu einem tiefen Brummen.
Grelles Licht flammte auf, geblendet hob ich die Hände, schaute mich zwischen den Fingern hindurch um. Eine Betondecke über mir, eine Betonwand neben mir mit dem Loch, aus dem ich gefallen war.
Ich hob den Kopf. Auf allen Seiten Betonwände. Am Ende des Raums eine Tür aus Metall mit einem Speichenrad in der Mitte, wie eine Raumschiffsschleuse im Fernsehen. Da ging es raus, bestimmt!
Ich lag auf einer Matratze, rollte zur Seite, schaute über den Rand. Unter mir war noch ein Bett. An den Wänden standen Regale und Schränke. Ein Tisch, zwei Stühle, eine Arbeitsplatte mit Spüle und Kochplatte.
Ein Bunker!
Ich rappelte mich auf. War hier noch jemand? Ich hörte nichts. Nur das Summen.
Die Regale waren voller Konserven. Ein Schatz! Nie wieder würde mein Gebrüd hungern, nie wieder den Bringern hinterherlaufen, nur um von Großen verjagt zu werden. Das war sowas von posh!
Mein Magen knurrte, ich nahm mir eine Dose, Pfirsiche, gezuckert. Dosenöffner? Hier musste doch irgendwo einer sein, was sollte man sonst mit den Dosen anfangen? Ich kramte rum, fand in einer Schublade unter der Spüle einen Öffner, stieß ihn in die Dose, hebelte den Deckel auf, griff hinein, stopfte mir einen halben Pfirsich in den Mund!
Lecker! Mann, das war so was von posh lecker!
Noch einen Pfirsich, und noch einen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören.
Und dann bemerkte ich die zweite Tür. Halb versteckt hinter einem Regal. Ich hielt inne, rührte mich nicht, lauschte. War jemand dahinter? Ich schlich an die Tür ran, legte das Ohr ans Holz. Nichts zu hören. Ich stellte die Dose weg, drehte den Türknauf, zog die Tür einen Spalt weit auf. Dahinter war es dunkel. Ich öffnete die Tür weiter, es flackerte, Licht ging an. Niemand im Raum!
Die Wände waren gekachelt, es gab eine Toilette, ein Waschbecken, sogar eine Dusche!
Ich drehte den Wasserhahn auf, irgendwas begann zu brummen, sonst passierte nichts, aber dann sprutzte und sprotzte es auf einmal, ein Schwall gelbrotes Wasser schoss aus dem Hahn, Pause, mehr Wasser, noch gelb, aber blasser, ein Strahl, ganz klar.
Ich hielt den Kopf darunter, öffnete den Mund, trank. Kaltes, klares Wasser. Ein Schatz!
Als ich mich aufrichtete, fiel mein Blick in den Spiegel. Oh Mann! Wie sah ich denn aus? Das Gesicht war so dreckig, meine Mom hätte mir eine runtergehauen. Und meine Dreadlocks hingen total weit auf meinen Rücken runter.
Ich hielt die Hände unter den Wasserhahn, tauchte mein Gesicht hinein, rieb, rubbelte, blickte in den Spiegel. Viel genützt hatte es nicht.
Ich lief raus aus dem Badezimmer, schaute mich nochmal im Hauptraum um.
Unter dem hochbeinigen unteren Bett stand eine Eisenkiste. Ich zog sie hervor, öffnete sie, zerrte den Inhalt raus und legte ihn aufs Bett. Zwei schneeweiße Anzüge, dick gefüttert, dazu Helme wie für Astronauten. Raumanzüge in einem Bunker? Da wollte wohl einer mit dem Bunker zum Mars fliegen!
Egal, die Hauptsache waren die Konserven. Dumm nur, dass ich keinen Sack hatte und meine Turnhose keine Taschen. Gab es hier denn keine Decken? Ich wühlte weiter, fand Decken und Laken, breitete eins auf dem Bett aus und stapelte Konserven drauf. Dann knotete ich das Laken zu einem Sack zusammen.
Jetzt die Tür öffnen und sehen, wohin sie führte. Nicht, dass ich dem Grupp in die Arme lief. Ich griff in das Rad und versuchte es zu drehen. Es rührte sich nicht. Drehte ich falsch rum? Ich versuchte es in die andere Richtung. Auch nichts.
Was, wenn es irgendwie verschlossen war? Aber da war kein Schlüsselloch.
Verrostet?
Verdammt, ich musste raus!
Links rum oder rechts rum drehen? Die Scharniere waren links, also gingen die Riegel wahrscheinlich nach rechts. Das hieß, nach links ging es auf. Mit meinem ganzen Gewicht hängte ich mich an das Rad.
Es rührte sich nicht.
Wäre ich doch nur so schwer wie Messer! Oder so stark wie Muskel.
Ich schaute zu dem Loch, aus dem ich gefallen war. Der Schacht? Zu steil. Da käme ich kaum wieder rauf. Und oben hatte der Grupp ihn zugeschüttet. Es blieb nur die Tür.
Und wenn ich die echt nicht aufkriegte?
Ich wäre in dem Scheißbunker gefangen, für immer. Niemand würde mich hier finden. Ich hatte Wasser, ich hatte Essen. Aber ich wollte raus! Ich musste raus! Das Essen meinem Gebrüd bringen. Ihnen vom Wasser erzählen. Klarem, kaltem Wasser, so viel wir wollten.
Ich packte wieder das Rad und zerrte, zog, riss. Es rührte sich nicht.
Ruhig, ruhig! Nachdenken!
Ich trat einen Schritt zurück.
Wie kriegte ich das Rad dazu, sich zu bewegen? Ich brauchte einen Hebel!
Im Bad fand ich einen Besen. Ich klemmte den Stiel zwischen die Speichen des Rades und hängte mich ans andere Ende, wippte, auf und ab, auf und ab.
Hoffentlich brach der Stiel nicht.
Ein Knirschen, ein Ruck, das Rad drehte sich! Drei, vier, fünf Umdrehungen, dann rastete etwas hörbar ein. Ich stemmte mich gegen die Tür, sie schwang auf, ich war frei!
Mit einem Schrei hielt ich mich am Rad fest, meine Beine baumelten in der Luft. Nur ein schmaler Sims vor der Tür, dann fiel der Fels senkrecht zum Meer hinab.
Ich pendelte hin und her, bis meine Füße wieder Halt fanden, zog mich vorsichtig zurück auf den Boden.
Welcher Idiot baute einen Bunker, dessen einziger Ausgang ins Nichts führte?
Oder?
Ich legte mich auf den Bauch und schob mich vorwärts. Da, zwei Eisenstangen ragten ein Stück unter der Tür aus dem Fels. Ich drehte den Kopf. An der Seite noch eine Stange, und darüber weitere. War da mal so was wie eine Leiter oder Treppe gewesen?
Egal, das war der einzige Weg raus. Und die Dosen? Unmöglich mit dem Sack da raufzuklettern. Ich nahm eine Dose, stopfte sie mir in die Turnhose, und trat vorsichtig auf den schmalen Sims über der Klippe. Ich griff nach dem Rad, zog und drückte die Tür zu. Es war eng, ich musste mich dicht an den Fels pressen, aber die Tür passte vorbei. Auch hier draußen war wieder ein Rad. Ich drehte es, bis es klickte. Würde ich hier wieder reinkommen oder musste ich das Loch freischaufeln? Ich packte das Rad noch einmal. Ja, die Tür ließ sich auch von hier öffnen. Gut!
Der Fels war kalt unter meinem bloßen Fuß. Ich musterte die Stangen. Sie wirkten feucht. Barfuß klettern war sicherer. Ich zog den einen Schuh aus, den ich noch anhatte, hielt ihn unschlüssig in der Hand, warf ihn dann hinunter ins Meer. Er war sowieso zu klein gewesen.
Ich griff nach einer der Stangen an der Seite, zog mich daran hoch, fand mit dem einen Fuß eine tiefere Stange, schob den zweiten in eine Felsspalte, kletterte höher.
Unter mir rauschte das Meer, brachen Wellen an den Klippen, zerplatzten, zerstäubten.
Weiter rauf! Eine Stange, noch eine. Schneller! Ich wollte dem Gebrüd vom Bunker und dem Schatz erzählen. Schneller!
Meine Füße rutschten ab, ein Ruck ging durch meine Arme, fast hätte ich losgelassen. Ich hielt mich krampfhaft mit beiden Händen fest und strampelte, bis erst mein linker und dann auch mein rechter Fuß Halt fanden.
Langsam, langsam!
Stange für Stange arbeitete ich mich hoch, erreichte endlich den Rand des Felsens, schob meinen Kopf hoch, schaute über die Kante. Nichts zu sehen vom Grupp. Ich zog mich auf den flachen, sicheren Boden.
Puh!
Jetzt musste ich schnell ins Versteck, bevor die Bringer kamen und die Großen herauslockten!
Hoffentlich war mein Gebrüd sicher zurück.

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Leseprobe zu „Petersburger Dämonen“

So, und damit ihr euch nicht nur am Cover ergötzen müsst (oder könnt oder so), kommt hier der Anfang des Romans:

Buch 1: Der Jäger

I. Teil

Er brauchte ein Opfer, jung und zart.
Er liebte Technik nicht, aber der Videokatalog im Internet war nützlich. In Ruhe konnte er das Jungtier auswählen, es beobachten, seine Bewegungen, seine Muskelmasse, den Genuss einschätzen, den es ihm bereiten würde, wenn er seine Zähne in das lebendige, warme Fleisch grub.
Durch den Katalog wusste er auch, wo das Opfer zu finden war. Also legte er sich auf die Lauer. Sobald es vorbeikam, folgte er ihm zu seinem Schlafplatz. Stellte fest, ob es allein schlief. Zog sich wieder zurück. Denn er jagte erst kurz vor der Morgendämmerung.
Er schlich durch die Hinterhöfe. Hielt inne. Schnüffelte.
Hier hatte es sich versteckt. Sein Opfer.
Schlief. Tief und fest. Ohne zu ahnen, dass er schon auf seiner Spur war.
Er folgte dem Duft. Der Hunger verstärkte seinen Jagdtrieb.
Lautlos durchquerte er den Hof. Ließ sich auf alle Viere fallen. Duckte sich. Suchte die Ecken und Winkel ab.
Da!
Ein kleines Bündel.
Katzengleich huschte er in den Hauseingang, schnüffelte. Nur ein Hauch Testosteron. „Michail“, sagte er sanft, „aufwachen!“
Das Jungtier öffnete die Augen, blinzelte.
Er zeigte sich ihm in seiner wahren Gestalt.
Das Jungtier schrie, strampelte sich aus der Decke, kroch, sprang auf, rannte.
Der Duft des Adrenalin erregte ihn. Er fuhr seine Krallen aus.
Das Spiel hatte begonnen.

Freitag

Kolya stand an der leeren Fensterhöhle der Dachkammer und schaute über das frühmorgendliche Sankt Petersburg. In den Weißen Nächten wurde es nie ganz dunkel, die Menschen feierten, sangen und tanzten fast ununterbrochen. Auch jetzt hörte er noch das Grölen von Betrunkenen und das dumpfe Stampfen eines Ghettoblasters irgendwo ein paar Straßen weiter.
Der ewige Wind, der durch die Stadt wehte, trug ihm Biergeruch zu. Erbrochenes, Schweiß und Urin. Verfaultes Gemüse und überreifes Obst aus den Müllcontainern. Öl und Benzin aus der Werkstatt am Ende des Hofes.
Und einen Hauch von Tod.
Seine Hände krampften sich um den geborstenen Fensterrahmen.
Er spürte es in jeder Faser seines Körpers: Der Jäger, von dem die meisten glaubten, er sei ein Werwolf, war wieder unterwegs gewesen. Straßenkinder waren seine Beute. Straßenkinder, um die sich niemand kümmerte, die niemand beschützte. Straßenkinder wie Dimka und er.
Wenn der Jäger nur nicht in ihren Hof käme, in ihr Haus, ihre Kammer unter dem Dach.
Er konnte sich und den kleinen Dimka gegen gleichgroße Jungen verteidigen, konnte größere so lange aufhalten, bis Dimka in Sicherheit war, schaffte es notfalls auch, sich gegen einen Betrunkenen zu wehren.
Aber der Jäger …
Die Angst zog ihm den Magen zusammen.
Der Jäger konnte nur ein Dämon sein. Und was sollte er einem Dämon entgegensetzen?
Er schloss die Augen und atmete tief durch. Diesmal waren sie nicht in Gefahr, diesmal hatte der Jäger irgendwo anders sein Opfer gefunden.
Er stieß heftig die Luft aus. Die Nacht war vorbei, ein neuer Tag erwartete sie! Er drehte sich um und schaute Dimka an, der noch fest schlief. Seine schmale Brust unter der zerfransten Decke hob und senkte sich, hob und senkte, hob, senkte …
Kolyas Magen knurrte, das altbekannte Hungergefühl stellte sich ein. Früher, als Dimka noch nicht für ihn gebettelt hatte, war es schlimmer gewesen; die Erinnerung an den tiefen, beißenden Schmerz im Bauch krallte sich noch immer fest in sein Gedächtnis.
Er schüttelte den Kopf. Jetzt war alles anders.
Er zog die Decke weg und stieß dem Jüngeren einen Zeigefinger in die Seite. Dimka zuckte ein wenig, murmelte „Hör auf.“
„Nein!“ Kolya bohrte ihm den Zeigefinger in die andere Seite. Dimka drehte sich um. „Kolya … hör auf!“
„Steh auf! Die Sonne ist schon aufgegangen.“
„Eh, Kolya, im Sommer geht die doch gar nicht erst unter!“
Er kitzelte jetzt mit allen Fingern Dimkas Oberkörper. Der Kleine zuckte hoch. „Kolya!“, quiekte er.
„Dimka!“
„Oh Mann!“ Und Dimka lachte los. Hoch und abgehackt.